Dienstagswelt
was a weekly event series presenting a wide range of artists playing strictly electronic music - live and as DJs. Berlin's most recognized elec- tronic music event on a TUESDAY with a nice mixture of local and international audience. We celebrated our partys at RAW.tempel, MIKZ and CASSIOPEIA - located in a former industrial complex in Friedrichshain [S/U Warschauer Str.]. The rough warehouse sites were picking up the rare charme of early rave venues and combining it with the typical Berlin party style & flavor.

08.05.2012 :: We Are All Prostitutes :: WAAP Rec. Labelnacht

Line-up:
DJ Aroma | Aromamusik / WAAP
Sven Wegner | WAAP (HH)
Jochen Korn | WAAP (HH)
Felix Tollkuehn | Aromamusik


Die Techno-Szene: Wo man hinschaut nur DJs und Livekünstler, die sich für Geld anbiedern. Ein Problem, dass nicht nur in Großstädten, sondern zunehmend auch in der Provinz um sich greift. Die Biografien der Betroffenen ähneln sich dabei auf augenfällige Weise. Meist über Freunde und Bekannte bekommen sie Kontakt zur sog. "Szene". Alles ist locker, persönlich und cool. Drogen, Alkohol, Sex - nichts scheint zu fehlen in diesem Universum der Versuchungen. Wer dabei ist, fühlt sich groß, dazugehörig, hip. Wer draußen steht, hat Pech gehabt. Gerade für junge Menschen ist die Versuchung groß, einzusteigen in diese bunte Welt unter den Spiegelkugeln. 

Nach ersten Clubbesuchen folgen schon bald gezielte Plattenkäufe, zum Geburtstag werden ein Mischpult und zwei gebrauchte Turntables erbettelt. Oftmals denken sich Eltern und Großeltern nichts dabei, wenn die Kinder mit dem Wunsch  nach Plattenspielern nach Hause kommen - schließlich steht in der alten Schrankwand im Wohnzimmer auch so ein Ding von früher. Damals hat man James Last Platten aufgelegt, um für die Tanzstunde zu üben. Was soll daran schlimm sein? DJ Felix Tollhaus (Name von der Redaktion geändert) erinnert sich: 



"Ich habe meinen Eltern natürlich nie erzählt, was damals wirklich los war. Tanzen und Musik - das klang harmlos. Was ich aber wirklich wollte, war ein Lotterleben in Saus und Braus, so wie ich es in den Clubs erlebt habe, in die ich mich schon als 16-jährige Bub mit gefälschten Ausweisen geschmuggelt hatte. Ich gab all mein Taschengeld für Platten aus und werkelte heimlich über Kopfhörer zuhause an meinen Mixing-Skills. Irgendwann bekam ich dann die Gelegenheit, in meinem Lieblingsclub für einen Künstler einzuspringen, der nicht erschienen war. Ich wohnte nicht weit entfernt, raste nach Hause um meine Platten zu holen - und hatte meinen ersten Einsatz. Ich war aufgeregt - darauf hatte ich die ganze Zeit gewartet. So fing alles an, harmlos eigentlich - und doch war es der Vorhof zur Hölle..."

Was folgte war ein schnelles und stetiges Abrutschen in die lichtscheuen Niederungen des Gewerbes. Am Anfang geht es dabei selten um Geld, aber je tiefer der Betroffene in den Strudel des Nachtlebens gerät, umso weniger gelingt es ihm, eine bürgerliche Existenz aufrecht zu erhalten. Tagsüber zu arbeiten, wird irgendwann unmöglich. Schlafdefizit und der Wandel des sozialen Umfelds tun ihr Übriges. DJ und Livekünstlerin Bar-Oma (Name von der Redaktion geändert) resumiert: "Entweder Du schaffst es bis an die Spitze - oder du krepierst jämmerlich bei deinem Versuch. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit - und die ist, auf die andere Seite der Nacht zu wechseln: Zu denjenigen, die vom Leid und Elend der Betroffenen profitieren -  den Veranstaltern. Sie gelten zurecht als Blutsauger der Szene - aber ohne sie läuft halt nichts. An ihnen führt kein Weg vorbei - egal, wer du bist."


Die Gruppe der Betroffenen wächst schnell - von daher unterbieten sich irgendwann diejenigen mit  ihren Gagenforderungen, die es nicht bis ganz nach oben schaffen. Ihre Not wird von zahlreichen Etablissements und gut organisierten Label- und Veranstalterbanden, oft mit weit verzweigten Kontakten ins Ausland, schamlos ausgenutzt. Immer wieder werden hier junge, ahnungslose Menschen auf dubiosen Kanälen und mit allerlei Versprechungen in die Clubs gelockt und zur musikalischen Prostitution gezwungen. Nacht für Nacht stehen diese bedauernswerten Opfer einer menschenverachtenden Technokultur hinterm DJ Pult im Scheinwerferlicht und setzen sich den gierigen Blicken und Schreien der Besucher aus. Und wenn nach zwei oder drei Stunden ihr Set vorbei ist, so sind sie auch schon aus den Köpfen der Gäste verschwunden, die sich kaltherzig und immer auf der Suche nach dem rauschhaften Momentum, bereits dem nächsten Künstler zugewandt haben. Der Entzug beginnt... DJ Doppelkorn (Name von der Redaktion geändert) erklärt: "Es ist wie ein Rausch, eine Sucht. Du willst, dass es nie aufhört. Du forderst immer größere Setlängen, doch die Veranstalter nutzen Deine Abhängigkeit schamlos aus und bieten immer geringere Gagen. Sie wissen, dass man nicht anders kann."  



Und Die Behörden schauen weg. Schließlich fließt der Alkohol in Strömen - Steuerein-nahmen, die Gemeinden und Kommunen dringend brauchen. In manchen Stadtteilen, wie etwa in Berlin, entsteht ein regelrechter "Techno-Strich". Wer hier landet, dessen Träume sind bereits Illusionen von Gestern. Hier herrschen die ganz harten Regeln des Geschäfts. Die Vorstufe zur totalen Inversion einstmaliger Träume beschreibt DJ Sven Vägner (Name von der Redaktion geändert) mit den Worten: "Ich hatte seit drei Tagen nichts gegessen. Alles was mir einfiel war, den Leuten anzubieten, dass ich für ein Teller Suppe und ein Butterbrot Techno auflege. Wenn ich heute darüber nachdenke, bekomme ich gleich wieder Appetit." Ein Teufelskreis. 

Die heutige Veranstaltung will auf die dramatischen Misstände aufmerksam machen. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten.

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